Entdecke funktionale Reitpferdemuskulatur

16. Februar 2026

Heute möchte ich über ein Thema sprechen, von dem ich mir sicher bin, dass jeder Pferdebesitzer sich dazu schonmal Gedanken gemacht hat:

Muskelaufbau.

Auch in meinem Alltag als Pferdephysiotherapeutin und -rehatrainerin bekomme ich hierzu die meisten Fragen. Das ist nachvollziehbar, denn an der Muskulatur lassen sich sowohl der Trainingszustand eines Pferdes ablesen, als auch die Qualität des Trainings.

Trotzdem ist die Frage nach Muskelaufbau und spezifischen Übungen, um endlich einen gut bemuskelten Pferderücken zu bekommen, in meinen Augen die Falsche. Denn:

Solange der Bewegungsablauf deines Pferdes nicht stimmt, kann es keine funktionale Reitpferdemuskulatur aufbauen. Egal wie viele Seitengänge du reitest oder wie viele Stangen du ins Training einbaust. Das Pferd wird immer in seiner Kompensation bleiben, solange du nicht gezielt genau daran arbeitest.

Deshalb möchte ich heute keine Übungsempfehlungen geben (das wird Inhalt des nächsten Blogartikels sein), sondern ein paar Kriterien nennen, woran man eine physiologisch ausgebildete Reitpferdemuskulatur erkennt:

– Die Muskulatur ist glatt und unauffällig. Keine Körperpartie springt einem sofort ins Auge, es gibt keine Kanten und harten Linie im Körperverlauf.

– Typische Stellen für harte Linien in der Muskulatur, die dort nicht hingehören:

  • parallel zum Hals verlaufend
  • am Übergang Hals-Schulter eine deutliche Kante
  • auf dem Schulterblatt sieht die Haut wie angeklebt aus
  • am Übergang Schulterblatt-Rücken das bekannte „Loch“ in der vorderen Sattellage
  • die Hosenmuskulatur (am Hinterbein etwa von Schweifansatz bis Kniekehle) zeichnet sich in einer oder zwei Linien deutlich ab

– Von vorne betrachtet gehen die Vorderbeine gerade nach unten, das Pferd steht sozusagen schulterbreit. Weder klemmt es mit den Ellenbogen unter dem Rumpf, noch steht es überbreit. (Eine schmale Brust ist bei Jungpferden normal, im Laufe der Reitpferdeausbildung sollte sie breiter werden.)

Faszien- statt Muskeltraining

Bevor ich mich bei einem Pferd um Muskelaufbau kümmere, interessiert mich der Faszienapparat. Früher wurden die Faszien einfach als Bindegewebe, also eine Hülle für Organe und Muskeln simplifiziert. Heute weiß man, dass es genau eine einzige Körperfaszie ist, die sich in den verschiedenen Bereichen in ihren Eigenschaften unterscheidet. Sie gilt als größtes Organ und bestimmt maßgeblich wie beweglich ein Körper ist und ist – vereinfacht gesagt – verantwortlich für alle Bewegungen, über die wir nicht aktiv nachdenken. D.h. wenn du denkst „Ich hebe jetzt meinen rechten Arm.“, dann steuert das das Gehirn diese Bewegung. Denkst du aber „Ich möchte mir das Glas oben aus dem Regal holen.“ steuert die Faszie was dein Körper dafür tut.

Man bezeichnet die Faszie auch als Problemlöseorgan – und kann genau diesen Weg nutzen, um sie anzusprechen und gezielt zu trainieren.

Im Pferdetraining sollte es also nicht darum gehen Mikromanagement zu betreiben und dem Pferd genau zu sagen wo und in welcher Ausrichtung es seinen Huf platzieren soll, sondern es geht darum dem Pferd sinnvolle Bewegungsaufgaben zu stellen, die es dann lernen kann zu lösen.

Noch ein paar Fakten zu Faszien, weshalb ich mittlerweile ein größerer Fan von Faszientraining als von Muskeltraining bin:

– Fasziengewebe wird, wenn man es sinnvoll belastet, gleichzeitig stabiler und elastischer – genau das, was wir uns auch von unserem Reitpferd wünschen.

– Faszien adaptieren den Reiz, den sie regelmäßig bekommen, bauen sich also entsprechend um. Dieser Umbauprozess dauert zwischen 6 Monate und 2 Jahre. In beide Richtungen!

D.h. wenn du es einmal geschafft hast, dass der Faszienkörper ein sinnvolles Bewegungsmuster adaptiert hat, dann geht dir dieser Zustand nicht verloren, wenn du krankheitsbedingt ein paar Wochen ausfällst.

– Wenn von Seite der Faszien alles passt, kommen die passenden Muskeln meiner Erfahrung nach wie von selbst. Gezieltes Muskelaufbautraining wird dann nur noch für Pferde im Leistungssport benötigt.

– Die Körperfaszie ist ein holistisches System. Das bedeutet, dass wenn man alles vom Pferd wegnimmt außer die Faszie, diese das Pferd immer noch abbildet. Damit ist sie für den Körper der Schlüssel um Befunde auszugleichen. Ein gutes Beispiel beim Pferd hierfür sind ECVM-Befunde, also Fehlbildungen der unteren Halswirbelsäule:

Wenn der knöcherne Ansatzpunkt fehlt, fehlt auch der Muskel und kann nicht mehr stabilisieren. Hat das Pferd jetzt allerdings gelernt seinen Faszienapparat in eine passende Vorspannung zu bringen und sich zu stabilisieren, wird diese Stelle einfach überbrückt und das Pferd kann komplett symptomfrei werden.

 

Ich hoffe, ich konnte dir ein paar wertvolle und auch neue Impulse für deine tägliche Arbeit mit deinem Pferd mitgeben.

Was ich mir wünsche, das du aus all diesen Informationen und Gedanken mitnimmst:

Bevor du über Muskelaufbau nachdenkst, frage dich wie es um die Faszien deines Pferdes steht.

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