Objektive Wahrheit?
In einer Zeit, in der jeder darauf bedacht ist den Anderen mit seiner Meinung stehen zu lassen und man vor allem in der Fachwelt dem Diskurs eher aus dem Weg geht, finde ich es sehr schwierig nach Wahrheit zu suchen. Kann es ein objektives Richtig überhaupt geben?
Diese Frage darfst du für dich selbst beantworten.
Was ich dir in diesem Blogartikel mitgeben möchte, ist einen Antwort-Schnipsel, den ich gefunden habe. Starten möchte ich mit etwas, was viele auch heute noch als Wissen akzeptieren: einem Zitat von Gustav Steinbrecht (1808 – 1885) aus seinem Buch „Gymnasium des Pferdes“. Er schreibt:
„Alle Künste und Wissenschaften haben in unserer Zeit durch Erforschung der Natur so schnelle Fortschritte gemacht, daß die in ihnen erreichten Erfolge oft ans Wunderbare grenzen. Es wäre wohl an der Zeit, sich hieran ein Beispiel zu nehmen, alle veralteten Vorurteile zu beseitigen und die Grundgesetze zur Erzielung eines guten Pferdes nur der Natur abzulauschen.“
Worte, die knapp 200 Jahre alt sind. Und heute aktueller denn je.
Wenn es eine Wahrheit in der Reiterei geben sollte, kann sie nur in der Natur des Pferdes zu finden sein.
Die Frage, mit der ich mich heute beschäftigen möchte, ist:
Welche Kopf-Hals-Position ist für ein Pferd physiologisch und sollte dementsprechend beim Reiten angestrebt werden?
Oben habe ich ein Bild meiner ehemaligen Stute eingefügt, wie sie auf der Koppel zurück zu ihrer Herde galoppiert (sogar bergab). In diesem Moment möchte sie niemandem imponieren, sondern hat ein Ziel, dass sie erreichen will. Ihr Körper ist darauf ausgerichtet eine Strecke effektiv zurückzulegen. Ihre Nase ist etwa auf Hüfthöckerhöhe, der Hals horizontal nach vorne gestreckt. Diese Körperhaltung nennt man Gebrauchshaltung – definiert als die Haltung, in der das Pferd den besten Gebrauch von seinem Körper macht.
Ich lade dich ein, diese Aussage zu überprüfen. Schau dir Bilder von freilaufenden Pferden an, die scheinbar irgendwo ankommen wollen (d.h. meist traben oder galoppieren) und achte darauf, wie sie ihren Körper nutzen und wie sie die einzelnen Körperteile zueinander ausrichten.
Ein Aspekt der Gebrauchshaltung, der mir erst sehr viel später klar wurde, der für mich aber sehr viel Sinn ergibt:
Die Gebrauchshaltung entspricht der neutralen Stellung der Pferdewirbelsäule, ohne Beugung, Streckung oder Seitbiegung. Es ist also die Haltung, in der auch wir Menschen bevorzugt weite Strecken zurücklegen – genau wie die Pferde.
Und genau das ist auch der Punkt, an dem ich mit jedem Rehapferd ansetze: die Gebrauchshaltung erarbeiten und dadurch zurück in ein physiologisches Bewegungsmuster kommen.
Und hier schließt sich der Kreis zu Steinbrechts Zitat:
„[…] daß die in ihnen erreichten Erfolge oft ans Wunderbare grenzen.“
Das ist es, was ich so oft mit den Rehapferden erleben darf. Dass wir Verbesserungen erreichen können, an die niemand mehr wirklich geglaubt hat.



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